Archiv der Kategorie '"Linke Szene"'

Der Antifaschismus ist tot.

Antifaschismus würde heute bedeuten, sich darauf vorzubereiten, dass es in den nächsten Wochen vermehrt zu antisemitischen Übergriffen kommen könnte, um diesen ggf. an der richtigen Stelle etwas entgegensetzen zu können. Doch die Antifa, die ihre Hochzeit in den 90er Jahren hatte, gibt es heute nicht mehr. Alles, was von ihr in Westdeutschland und insbesondere in bundesdeutschen Großstädten noch übrig ist, trifft sich ein paar mal im Jahr zum Wochenendausflug etwa nach Dresden oder Wien, um auf diesen Pflichtveranstaltungen den hobbymäßigen Kleinkampf gegen Neonazis und Burschenschaftler zu führen, die gesellschaftlich absolut marginal sind.
Erklären lässt sich dies mit der heutigen Lage von Praxis überhaupt. Während diese nur in einigen wenigen Nischen irgendwie noch sinnvoll wäre, bietet der Kampf gegen Nazis ein zweifaches Erfolgserlebnis: man hat immer das Argument der Mehrheit auf seiner Seite und kommt dementsprechend leichtfüßig zum bescheidenen Ziel, die Nazis nicht durch Stadt XY ziehen zu sehen. Am Ende des Tages können sich alle auf die Schultern klopfen und sich freuen, dass es dieses Jahr wieder geklappt hat.
Im Gegensatz dazu, würde es tatsächlich bedeuten, etwas zu riskieren, würde man sich dem antisemitischen Mob in den Weg stellen, der in den letzten Wochen durch deutsche und andere europäische Straßen zog. Doch diese Art von Antifaschismus gibt es offenbar seit der Marginalisierung von Neonazis durch den Aufstand der Anständigen nicht mehr.

Die falsch verstandene Befreiung

Heute wird in vielen Ländern Europas der „Victory in Europe Day“ gefeiert, der an die bedingungslose Kapitulation und damit die endgültige Niederlage Nazi-Deutschlands erinnert. Während dieser Tag in einigen Ländern sogar als offizieller Feiertag begangen wird, feiert hierzulande hauptsächlich die Linke.

Grund zum Feiern gibt es am 8. Mai mehr als an jedem anderen Tag. Selbst an einem Tag jedoch, an dem es lediglich darum zu gehen hätte, im Sinne eines „Nie Wieder“ zu gedenken oder ausgelassen den Sieg der Anti-Hitler-Koalition zu feiern, hat sich bis heute innerhalb der Linken ein regressives Moment konserviert. Hier spricht man vom „Tag der Befreiung“ nämlich so, als ob es sich dabei, wie in der DDR propagiert wurde, um die „Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ handeln würde. Dass jedoch nicht Deutschland oder gar das „deutsche Volk“ von „den Nazis“ befreit wurde, welche plötzlich als irgendetwas Drittes gedacht und sprachlich dargestellt werden, jedoch nicht als genuin deutsche, das scheint, wie ich heute wieder feststellen musste, von vielen noch immer nicht verstanden zu sein. Und so hält sich der Mythos vom Hitlerismus und reiht sich ein in den Versuch nicht mehr nur noch TäterIn, sondern doch wenigstens auch Opfer sein zu dürfen – auch wenn das „Volk“ im Dritten Reich von Nazi-Deutschland nicht zu unterscheiden war.

Es wäre also sinnvoll nicht Länger von „Befreiung“ zu sprechen, will man denn nicht einen gewissen Geschichtsrevisionismus transportieren – und sei es nur dadurch, dass sich im Zweifelsfall auch die falschen Leute mit dem Begriff der Befreiung identifizieren können, weil sie ihn eben nicht als Befreiung Europas und aller vom NS Verfolgter, Gequälter und KZ-Inhaftierter, sondern als Befreiung Deutschlands vom Attribut „Nazi“ verstehen. Sinnhafter scheint es da, wie eben auch in anderen Ländern, vom „Sieg über Deutschland“ zu sprechen.
Dass selbst zu einem Tag wie dem 8. Mai eine spezifisch deutsche Deutung existiert, ist jedoch wohl nur ein weiterer Hinweis darauf, wie wenig bearbeitet die deutsche Geschichte tatsächlich ist.

Ein verspäteter Rückblick auf die Krisenproteste von M31 und Blockupy

Es ist wieder still geworden. Zumindest was die „revolutionären Umtriebe“ in dieser Republik anbelangt. Eines der letzten großen Zeltlager der sog. Occupy-Bewegung in Deutschland wurde diese Woche in Frankfurt ohne großen Trubel geräumt und auch der im Frühjahr von der radikalen Linken so unendlich beschworene „heiße Sommer der Krisenproteste“ blieb bis auf weiteres aus – bis auf ein paar warme Tage im Juli ist eben nicht nur der Sommer, sondern sind auch gleich die Krisenproteste ausgefallen.
„Aber irgendwas war doch da im Frühling“, wird vielleicht der ein oder die andere einwerfen wollen. Stimmt, da war doch irgendwas gewesen… (mehr…)

Carlo Giuliani – Märtyrertum der radikalen „Linken“?

Im Juli diesen Jahres kam es rund um den 10. Jahrestag der Tötung des politischen Aktivisten Carlo Giuliani bei den Ausschreitungen 2001 in Genua (anlässlich des G8-Gipfels) zu verschiedenen Protest- und Solidaritätsaktionen in Europa, darunter viele in Deutschland. So tauchten in diversen Städten Stencils mit dem Porträt von Giuliani auf,1 es kam zu Spontandemonstrationen (u.a. in Berlin) sowie zu militanten Aktionen (u.a. in Frankfurt/Main) und (v.a. in Berlin) zu nächtlichen Ausschreitungen und Straßenschlachten mit der Polizei.2

So weit erstmal nichts überaus außergewöhnliches für eine teilweise militant agierende „Szene“. Was jedoch bei mir persönlich für Irritationen sorgte, war das immer wieder auftauchende Motto, mit welchem u.a. auch versucht wurde zu mobilisieren: „Rache für Carlo!“ (mehr…)

AnarchistInnen und Bomben

Die letzten Wochen und Monate waren medial u.a. geprägt von Terrorwarnungen und tatsächlichen Bombenanschlägen, u.a. in den USA, Schweden, aber auch in Italien und Griechenland. Über die letzten beiden Anschläge bzw. Anschlagserien von angeblichen AnarchistInnen wollte ich einen kritischen Artikel verfassen. Nun bin ich jedoch auf einen Text der „Libertären Aktion Winterthur“ gestoßen, mit dessen Kernaussagen ich so weit übereinstimme, dass ich es nun für überflüssig halte noch einen eigenen zu verfassen. Im folgenden möchte ich das besagte Fundstück im Vollzitat übernehmen. (mehr…)