Archiv der Kategorie 'Der globale Blick'

Individuelles Appeasement gegenüber dem Iran

AuslandsjahrIran

Die politische und wirtschaftliche Öffnung des Westens gegenüber dem Iran schlägt sich bereits im Denken der Menschen über den Iran nieder. Ein aktuelles und zugleich sehr bezeichnendes Beispiel: Die Webseite „Studieren weltweit“ veröffentlichte nun den Bericht einer jungen Studentin aus Marburg über ihr Auslandsjahr in Teheran / Iran.

Ich denke das ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen: Vor allem immer mehr junge und alternativ angehauchte Menschen wählen das Land als Reiseoft, Studienort oder vorübergehenden Arbeitsort – oder äußern zumindest starkes Interesse daran. Nicht selten heißt es, man wolle das Land und die Leute so kennenlernen, wie sie wirklich seien, man wolle Vorurteile abbauen. Auffällig ist, dass dabei in der Regel von der Menschenrechtslage im Iran geschwiegen wird. Man macht sich eine schöne Zeit, macht schöne Fotos, lernt interessante Leute kennen – und blendet dabei aus, dass der Großteil der Leute vor Ort entweder aus finanziellen Gründen niemals ausreisen könnten, im Westen schon gar keinen Aufenthaltstitel bekommen würden oder aber vom Regime, etwa aus politischen Gründen, an der Ausreise gehindert werden. Man macht sich eine gute Zeit und lässt dann, wenn man wieder abreist, die Menschen vor Ort in ihrem politischen Elend zurück. Mit irgendeiner Art von Solidarität hat das absolut nichts zu tun.

Snowdown! oder: der Überwachungsskandal, der keiner war.

„Tatsächlich sterben mehr Amerikaner durch Badezimmerstürze und Polizeischüsse, als durch Terrorismus“, so teilte Edward Snowden der Öffentlichkeit vor ein paar Wochen im Live-Chat auf die Frage hin mit, was er denn auf den Vorwurf entgegnen würde, er habe den international operierenden Terrorismus darauf aufmerksam gemacht, sicherere Kommunikationskanäle zu nutzen.1

Das Zitat setzt allerdings vollkommen unzusammenhängende Sachverhalte in ein Verhältnis und zwar mit einer leicht zu durchschauenden Absicht: den internationalen Terrorismus zu relativieren, um sein Handeln vor sich selbst oder auch vor anderen rechtfertigbar zu machen. Dadurch wird dieses ernste Thema ins Lächerliche gezogen und, ob gewollt oder nicht, verharmlost. (mehr…)

Plädoyer für eine Militärintervention in Syrien

Seit über einem Jahr herrscht Bürgerkrieg in Syrien – ein „blutiger“, wie in der Berichterstattung immer ganz selbstverständlich mit erwähnt wird. Doch was heißt das und vor allem welche Konsequenzen folgen daraus? Bisher keine nennenswerten. Bereits vor einem Jahr war ich der Meinung, dass eine Intervention durch die internationale Staatengemeinschaft etwa in Kooperation mit der Arabischen Liga und einer mittelfristigen Stationierung von UN-Truppen die Lage vor Ort hätte wesentlich entschärft werden können. Im Verlauf der ersten Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings hin zu den blutigen Niederschlagungen derselben wollten immer weniger Oppositionelle das Regime reformieren, sondern es wurde schnell klar, dass die Diktatur gestürzt werden solle. (mehr…)

Occupy – Eine Bewegung zwischen verkürzter Kapitalismuskritik und strukturellem Antisemitismus

„Wir müssen nicht das ganze System verstanden haben, um aktiv zu werden.“1

So unreflektiert diese Aussage auch ist, so sehr trifft sie auf das zu, was man im Moment beobachten kann: Menschen gehen an verschiedenen Orten auf der Welt auf die Straße um sich zu empören und gegen (wahlweise auch für) etwas zu protestieren. Und genau in diesem unbestimmten „Etwas“ liegt ein großes Problem. Die Proteste richten sich gegen alles mögliche. Beispielsweise wird das aktuelle Finanzsystem stark kritisiert, Schuldige für die Krise werden gesucht. Lediglich das marktwirtschaftliche System an sich bleibt unangetastet und wird als eigentliche Ursache von Missständen gar nicht erst mitgedacht. (mehr…)

Freude über den Tod Osama bin Ladens

„Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ Angela Merkel1

Zu einem demokratischen Staat, der nicht nur formal als solcher gelten möchte, gehört nicht nur ein funktionsfähiges Parlament, eine Gewaltenteilung und das Prinzip der Rechtstaatlichkeit, sondern auch eine gesellschaftliche demokratische Kultur. Doch nicht nur das. Demokratie sollte sich immer auch veräußerlichen und sich im außenpolitischen, staatlichen Handeln widerspiegeln.

Wenn jetzt ein Großteil der außernpolitischen Akteure der sog. westlichen Welt anfängt zu feiern, weil der seit mehr als einem Jahrzehnt gesuchte Terrorist und al-Qaida-Gründer Osama bin Laden erschossen wurde, dann offenbart sich so einiges, jedoch nicht das, was ich mir unter demokratischer Kultur vorstelle und noch weniger was ich mir aus einer zivilisierten und humanistischen Sicht auf die Welt wünschen würde. (mehr…)

Assange ein Anarchist?!

Im allgemeinen kann ich wohl behaupten, dass ich Strukturen und Prozesse interessanter zu betrachten finde, als einzelne Personen oder personelle Phänomene. Trotzdem möchte ich in diesem Eintrag auf einen Einzelakteur eingehen, der sicherlich auch auf Grund seines persönlichen Charismas Ende des Jahres 2010 für weite Diskurse in Medien und Gesellschaft gesorgt hat. Die Rede ist von Julian Assange, der oder zu mindest einer der Gründer von WikiLeaks, der jenigen Internetplatform die sich der absoluten Transparenz verschrieben hat. Diese existiert bereits seit ein paar Jahren, sorgte jedoch vor allem in jügster Zeit durch massenhafte Veröffentlichungen geheimer Dokumente (u.a. Dokumente der US-Diplomatie) für Aufsehen.

Allerdings möchte viel weniger auf WikiLeaks oder Assange selbst, sondern eher auf eine bestimmte Begleiterscheinung eingehen. Und zwar wurde Assange persönlich immer wieder von verschiedenen Medien als Anarchist bezeichnet. (mehr…)

Sansibar auf dem Weg zur „lupenreinen Demokratie“?

Seit fünfzehn Jahren gibt es in dem südostafrikanischen Land Tansania – eines der stabilsten Länder der Region – wieder Wahlen, bei denen es jedoch bis heute immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen zwischen AnhängerInnen der beiden großen revalisierenden Parteien kam. Mit dem Ende des Einparteiensystems der CCM („Partei der Revolution“), welche sich als sozialistisch versteht, begann allerdings keine neue Regierungsära. Die bis zu den Wahlen von 1995 einzige zugelassene Einheitspartei blieb bis heute an der Macht, was von Seiten der Opposition immer wieder die Vorwürfe der Wahlmanipulation mit sich brachte. Die daraus resultierenden, teilweise heftigen gewalttätigen Ausschreitungen mit Todesopfern waren auf der teilautonomen Insel Sansibar – welche über eine eigene Regierung, ein Parlament und einen Präsidenten verfügt – jeweils besonders ausgeprägt (vgl. Spiegel.de). Am vergangenen Sonntag fand mal wieder eine nach fünf Jahren Regierungszeit übliche Wahl statt, die erfreulicherweise ohne größere Zwischenfälle auskam. Die Frage nach dem „warum“ barg für mich genug Anlass einen Blogeintrag zu verfassen. (mehr…)