Archiv der Kategorie 'Antisemitismus'

Der Antifaschismus ist tot.

Antifaschismus würde heute bedeuten, sich darauf vorzubereiten, dass es in den nächsten Wochen vermehrt zu antisemitischen Übergriffen kommen könnte, um diesen ggf. an der richtigen Stelle etwas entgegensetzen zu können. Doch die Antifa, die ihre Hochzeit in den 90er Jahren hatte, gibt es heute nicht mehr. Alles, was von ihr in Westdeutschland und insbesondere in bundesdeutschen Großstädten noch übrig ist, trifft sich ein paar mal im Jahr zum Wochenendausflug etwa nach Dresden oder Wien, um auf diesen Pflichtveranstaltungen den hobbymäßigen Kleinkampf gegen Neonazis und Burschenschaftler zu führen, die gesellschaftlich absolut marginal sind.
Erklären lässt sich dies mit der heutigen Lage von Praxis überhaupt. Während diese nur in einigen wenigen Nischen irgendwie noch sinnvoll wäre, bietet der Kampf gegen Nazis ein zweifaches Erfolgserlebnis: man hat immer das Argument der Mehrheit auf seiner Seite und kommt dementsprechend leichtfüßig zum bescheidenen Ziel, die Nazis nicht durch Stadt XY ziehen zu sehen. Am Ende des Tages können sich alle auf die Schultern klopfen und sich freuen, dass es dieses Jahr wieder geklappt hat.
Im Gegensatz dazu, würde es tatsächlich bedeuten, etwas zu riskieren, würde man sich dem antisemitischen Mob in den Weg stellen, der in den letzten Wochen durch deutsche und andere europäische Straßen zog. Doch diese Art von Antifaschismus gibt es offenbar seit der Marginalisierung von Neonazis durch den Aufstand der Anständigen nicht mehr.

Das beschnittene Recht des Kindes. Zur Beschneidungsdebatte

Ein Jahr liegt die sogenannte Beschneidungsdebatte nun schon zurück. Und nun, „ein Jahr, nachdem kritische Positionierung relevant und riskant gewesen wäre“ konnte man mit großer Verspätung dann auch in der neuen Prodomo (# 17) sowie der neuen Polemos (# 5) noch etwas „materialistisch angehauchtes über Recht, Staat und Nation“1 zum Thema lesen. Ich selber hatte mich zugegebenermaßen seit der Ankündigungen auf diese Beiträge gefreut, da ich mit einer wenn auch zögerlichen aber doch noch vernünftigen Positionierung gerechnet hatte. Am relevanten Kern des Themas, nämlich der Frage, wie das Verhältnis vom Recht auf Kindeserziehung und Schutz des Kindes vor gewissen Erziehungspraxen in diesem Fall abzuwägen wäre, gehen allerdings im Prinzip alle Ausschweifungen vorbei. (mehr…)

Ein verspäteter Rückblick auf die Krisenproteste von M31 und Blockupy

Es ist wieder still geworden. Zumindest was die „revolutionären Umtriebe“ in dieser Republik anbelangt. Eines der letzten großen Zeltlager der sog. Occupy-Bewegung in Deutschland wurde diese Woche in Frankfurt ohne großen Trubel geräumt und auch der im Frühjahr von der radikalen Linken so unendlich beschworene „heiße Sommer der Krisenproteste“ blieb bis auf weiteres aus – bis auf ein paar warme Tage im Juli ist eben nicht nur der Sommer, sondern sind auch gleich die Krisenproteste ausgefallen.
„Aber irgendwas war doch da im Frühling“, wird vielleicht der ein oder die andere einwerfen wollen. Stimmt, da war doch irgendwas gewesen… (mehr…)

„We were used to dance“

Heute ist der 08. Mai.
Aus diesem Anlass war ich heute abend auf einer sehr Veranstaltung, auf welcher der Shoah und der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gedacht werden sollte. Auch wenn man sich dem Unbeschreiblichen und Unbegreifbaren wohl nie wird vollkommen nähern können, waren es zwei sehr bewegende und – soweit irgendwie möglich – würdige Stunden. Ich bin zwar nicht fähig zu beschreiben, wie der Abend aussah, ohne ihn zu verfälschen und ihm somit das zu nehmen, was er dort mühevoll versucht wurde aufzubauen. Aber ich wollte doch zumindest, dass dieser Tag und eben auch dieser Abend erwähnung findet. Eines der musikalischen Stücke, die dort u.a. vorgebracht wurden, wollte ich gerne ebenfalls „beitragen“, aber auch das – ein Stück aus dem Gedenkkomplex gewissermaßen herauszureißen – scheint mir nicht angebracht.
Ob folgendes nun angebracht ist, weiß ich nicht zu beurteilen, doch bin ich (wieder) darauf gestoßen beim Durchstöbern des Internets nach Liedern, die in Konzentrationslagern komponiert wurden – wie z.B. sehr viele in Theresienstadt / Terezín. Ich muss immer wieder weinen, wenn ich es sehe:


I Will Survive – Dancing Auschwitz von Honk4joy

Occupy – Eine Bewegung zwischen verkürzter Kapitalismuskritik und strukturellem Antisemitismus

„Wir müssen nicht das ganze System verstanden haben, um aktiv zu werden.“1

So unreflektiert diese Aussage auch ist, so sehr trifft sie auf das zu, was man im Moment beobachten kann: Menschen gehen an verschiedenen Orten auf der Welt auf die Straße um sich zu empören und gegen (wahlweise auch für) etwas zu protestieren. Und genau in diesem unbestimmten „Etwas“ liegt ein großes Problem. Die Proteste richten sich gegen alles mögliche. Beispielsweise wird das aktuelle Finanzsystem stark kritisiert, Schuldige für die Krise werden gesucht. Lediglich das marktwirtschaftliche System an sich bleibt unangetastet und wird als eigentliche Ursache von Missständen gar nicht erst mitgedacht. (mehr…)

Gegen Antisemitismus

Aktionswoche gegen Antisemitismus

In der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938, also vor 72 Jahren, fand in Deutschland die sog. Reichspogromnacht statt. Die von den Nationalsozialisten initiierte und von breiten Massen der Bevölkerung mitgetragene reichsweite Zerstörung jüdischer Geschäfte, Privatwohnungen und Synagogen, sowie Misshandlungen, Vergewaltigungen und Ermordungen von Jüdinnen und Juden, stellte nur den vorläufigen Höhepunkt des deutschen Antisemitismus dar. In den folgenden Wochen würden mehrere zehntausende Jüdinnen und Juden in Konzentrationslager deportiert werden, um die „Arisierung“ der Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben und durch deren Enteignung die Kriegsvorbereitungen finanziell zu stützen. Aber dies nur als Erinnerungskultur am Rande.

Rund um den 09. November veranstaltet die Amadeu Antonio Stiftung auch dieses Jahr wieder eine „Aktionswoche gegen Antisemitismus“. Dabei wird es „eine Vielzahl von Veranstaltungen zu historischen und vor allem zu zeitgenössischen Formen des Antisemitismus geben“. Eine besondere dieser „zeitgenössischen Formen“ ist die oftmals als Kritik getarnte Israelfeindschaft – der Schwerpunkt in diesem Jahr. Bereits im Vorfeld wurde auf dem Zeit.de-Blog „Störungsmelder“ von Jan Riebe (Koordinator der AKtionswochen) ein, wie ich finde, sehr guter Text zum Thema Antisemitismus als Phänomen der „Mehrheitsgesellschaft“ veröffentlicht. Ich kann an dieser Stelle nur empfehlen ihn zu lesen. Es lohnt sich: „Man wird ja wohl noch Israel kritisieren dürfen…?!“