Das beschnittene Recht des Kindes. Zur Beschneidungsdebatte

Ein Jahr liegt die sogenannte Beschneidungsdebatte nun schon zurück. Und nun, „ein Jahr, nachdem kritische Positionierung relevant und riskant gewesen wäre“ konnte man mit großer Verspätung dann auch in der neuen Prodomo (# 17) sowie der neuen Polemos (# 5) noch etwas „materialistisch angehauchtes über Recht, Staat und Nation“1 zum Thema lesen. Ich selber hatte mich zugegebenermaßen seit der Ankündigungen auf diese Beiträge gefreut, da ich mit einer wenn auch zögerlichen aber doch noch vernünftigen Positionierung gerechnet hatte. Am relevanten Kern des Themas, nämlich der Frage, wie das Verhältnis vom Recht auf Kindeserziehung und Schutz des Kindes vor gewissen Erziehungspraxen in diesem Fall abzuwägen wäre, gehen allerdings im Prinzip alle Ausschweifungen vorbei. Zwar wurde bereits an manch anderer Stelle vernünftig aus verschiedenen Perspektiven darüber verhandelt, wie die Beschneidung kleiner Jungen nun eigentlich zu bewerten sei, doch da eben auch ein Jahr später kaum eines dieser Argumente durch die Ideologiekritiker weiter bearbeitet, geschweige denn aufgenommen wurde, möchte ich hier nochmal auf eine bestimmte Ebene eingehen, die mir zentral für die Abwägung erscheint.

Vorweg zu sagen ist vielleicht noch, dass ich gar nicht abstreiten möchte, dass die Debatte teilweise fragwürdige Züge annahm. Stellenweise wurde sicherlich mit viel Ressentiment im Gepäck argumentiert und man musste eben immer genau hinschauen, wer sich mit welcher Intention auf welche Seite schlug. Hier treffen sicherlich einige Beobachtungen der Ideologiekritiker.2 Mit einer Kritik an der Debatte ist allerdings noch nichts über deren inhaltlichen Kern, die Beschneidung, gesagt – das allerdings schienen einige Leute zu verwechseln. So ist am Ende oftmals das einzige Argument, das den Kern des Themas berührt und zu einer Positionierung gegen die BeschneidungskritikerInnen führte, ein positivistisches, welches lediglich auf Relativierung aus war: Über Schmerzen und gesundheitliche Folgen der Beschneidung könne man sich ja streiten und ein (Schmerz-)Bewusstsein über ihre Beschneidung hätten die Säuglinge ohnehin nicht.3 4

Meine zugespitzt formulierte These lautet, dass diejenigen JudenfreundInnen, welche die religiöse Beschneidung verteidigten bzw. die BeschneidungskritikerInnen angriffen, dafür stritten „die Juden“ als Kollektiv unter Artenschutz zu stellen, weil sie ihnen als eine besonders schützenswerte Menschengruppe gelten. (Ob dies bewusst oder unbewusst passierte, soll hier keine Rolle spielen.) Dies wurde, nicht ohne Berechtigung, mit der Geschichte der Judenverfolgung legitimiert, die in Nazi-Deutschland ihren unbegreiflichen Höhepunkt fand. So sehr dieser richtige Gedanke seine absolutes Recht hat, so sehr müsste er über sich selbst hinaus gehen, um das einzuhalten, was man als Ideologiekritiker oft als kategorischen Imperativ auszuweisen hat: „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole“ (Adorno). Der fatale Fehler, der wohl nur als Reflexionsausfall zu verstehen ist, lag darin, dass „die Juden“ oftmals zumindest implizit als bewahrenswertes Kollektiv ethnisiert und nicht etwa als zu schützende Individuen verstanden wurden. Letztlich wurde damit gegen die Gleichbehandlung von Juden als gleiche Bürger unter Bürgern durch den Staat argumentiert: Da die Judenemanzipation gescheitert sei, müsse nun alles an die Autonomie des Judentums gesetzt werden. Dabei wird allerdings vergessen, dass nicht die Judenemanzipation, also die Emanzipation der Jüdinnen und Juden innerhalb einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, oberstes Ziel von Emanzipation überhaupt zu sein hätte, sondern dass darüber hinaus noch so etwas wie eine allgemeine Emanzipation zu stehen hat – vorausgesetzt man hält neben dem adornitischen auch weiterhin am marx’schen kategorischen Imperativ fest, die repressiven Verhältnisse umzustürzen. Diese noch „höhere Stufe der Emanzipation“ würde nämlich bedeuten, dass sich mündige, aufgeklärte Individuen herausbilden und sich von religiösen, nationalen, ethnischen, kulturellen etc. Kollektiven emanzipieren. Das Anliegen der IdeologiekritikerInnen sollte somit nicht lediglich die Emanzipation der Juden von den Nicht-Juden sein, sondern darüber hinaus die Emanzipation der Juden von sich selbst, oder anders: der jüdischen Individuen vom Judentum.

Gewiss: Innerhalb einer antisemitischen Gesellschaft – und so stellt sich die heutige von Grund auf dar –, ist die Emanzipation der Juden vom Judentum freilich durch den Antisemiten begrenzt.5 Justus Wertmüller schrieb dazu folgendes in der Bahamas:
„Die jüdische Emanzipation vom Judentum ist mit dem Holocaust deswegen an ein Ende gekommen, weil die Definitionsmacht der Mörder darüber, wer ein Jude sei, Menschen zusammengezwungen hat, von denen viele nur noch biographisch einen Bezug zum Judentum hatten.“6
Und genau deshalb hat das Judentum als Gemeinschaft genau wie Israel als Staat im Hier und Jetzt ein Existenzrecht, das weder von Antisemiten abgesprochen werden kann, noch von „Freunden“ erst zugestanden werden muss. Von Juden unmittelbare Emanzipation vom Judentum zu fordern wäre mindestens fahrlässig und in der Konsequenz Antisemitisch. Langfristig ist diese Gemeinschaft jedoch, genau wie alle derartigen, überflüssig zu machen, nämlich in dem Sinn, dass der Schutz der Jüdinnen und Juden nicht mehr tagtäglich sichergestellt werden muss, sondern eine Selbstverständlichkeit darstellt. Unter dieser Voraussetzung wäre das jüdische Kollektiv im Sinne einer allgemeinen menschlichen Emanzipation genau so abzuschaffen wie alle anderen Kollektive.

Nochmal gegen jedes Missverständnis: Da wir uns mit Nichten in einer freien Gesellschaft befinden, hat die Verteidigung des jüdischen Kollektivs, nämlich als Schutzgemeinschaft gegen den Antisemitismus, etwa durch einen Niklaas Machunsky7 selbstverständlich sein richtiges, legitimes Anliegen. In Bezug auf die Beschneidungsdebatte jedoch wäre dennoch dem Recht des Kindes und damit dem Schutz des Individuums vor dem Zugriff vom Kollektiv Vorrang einzuräumen und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Verteidigung der Beschneidung eben nicht mit der Verteidigung des Judentums gleichzusetzen ist – auch wenn dies uns im Laufe der Debatte alle möglichen jüdischen und nicht-jüdischen InteressenvertreterInnen weismachen wollten. Zum einen stellt nämlich im Zweifelsfall lediglich der Staat Israel die einzige reale Verteidigungsinstanz gegen Antisemitismus dar und nicht etwa ein beschnittener Penis. Dazu abermals treffend Wertmüller:
„Alle Kompromisse zwischen ‚traditionellen‘ und nicht-jüdischen Juden, die angesichts der Ahnung von der Wiederholbarkeit des Holocausts gefunden werden mussten, führten zur Etablierung einer Nation, die eine hochpragmatische Gesellschaft hervorgebracht hat, in der Tradition und Emanzipation koexistieren, ohne dass jene, die dogmatisch eine religiös begründete jüdische Identität erzwingen wollen, sich durchsetzen können. Was einen Juden ausmache, darüber gibt es unter Juden bekanntlich keinen Konsens, noch nicht einmal die Bestimmung des Oberrabinats, wer ein Jude genealogisch sei und wer vor diesem Hintergrund Bürger Israels sein dürfe, trägt. Sie wird vielmehr unterlaufen durch die Setzung, dass wer als Jude verfolgt werde, gleich wie er sich selbst definiere, ein Bürgerrecht hätte. Der israelische Pragmatismus bewährt sich natürlich auch in der Frage des seit einigen Monaten in Deutschland herumposaunten Dogmas, nur ein beschnittener Knabe oder Mann könne als Jude gelten. In Israel ist das keine große Diskussion wert.“8
Zum anderen wird, wenn man sich ausschließlich auf das beschnittene Judentum beruft unterschlagen, dass es auch innerhalb des liberalen Judentums Bestrebungen einer alternativen Zeremonie zur Brit Mila gibt, nämlich die sog. Brit Schalom, bei der gänzlich auf die Beschneidung verzichtet und der Eintritt in die jüdische Glaubensgemeinschaft lediglich durch eine Messe symbolisiert wird.9 Insofern ist auch der Vorwurf etwa der „World Union for Progressive Judaism“ nicht haltbar, durch das Verbot der Beschneidung würde den Eltern prinzipiell das Recht genommen „ihre Kinder in die heiligen Riten ihrer jeweiligen Religionen einzuführen“.10
Dass die Verteidigung der jüdischen Beschneidung mit dem Argument vom zu beschützenden Judentum darauf hinausläuft, eine eben dogmatisch-religiös begründete jüdische Identität zu konstruieren bzw. eine rituelle Zwangskollektivierung der Säuglinge zu rechtfertigen, die praktisch nichts mit dem Schutz von Jüdinnen und Juden außerhalb Israels zu tun hat, verdeutlicht ebenfalls der Blick ins gelobte Land, in dem es eben keinen Konsens über eine positive Bestimmung dessen gibt, was nun jüdisch sei und was nicht (vgl. das letzte Zitat von Wertmüller).

Wenn also heute beide kategorischen Imperative gelten und nicht etwa der eine gegen den anderen ausgespielt werden soll, so sollte man das Recht „kleinen Jungen am Penis wehtun zu dürfen“11 in jedem Fall allen Eltern mit Verweis auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit absprechen, denn als Individuen sollte ihnen genau der gleiche Schutz zukommen, wie ihren nicht-jüdischen Altersgenossen.

Dieser Artikel von mir ist ebenfalls in der aktuellen 4. Ausgabe der Keep Dancing erschienen.

  1. Vgl. https://nichtidentisches.wordpress.com/2013/04/05/betrifft-polemos-5-beschneidungsdebatte/ [zurück]
  2. Vgl. z.B. Jan Gerber: Talk about Sex. Zur Beschneidungsdebatte. In: Polemos # 05. https://kritischetheorie.wordpress.com/2013/04/05/polemos-5/ [zurück]
  3. Der sich über viele Seiten hinstreckende Artikel von Niklaas Machunsky: Die Jungenbeschneidung im postnazistischen Rechtsstaat (erschienen in: Prodomo # 17. Quelle: http://www.prodomo-online.org/ausgabe-17.html) ist im Kern seiner Argumentation letztlich auf genau diese Annahme zu reduzieren. [zurück]
  4. Vgl. dazu auch die treffenden Feststellungen von Dieter Sturm: „Die Verharmlosung der frühkindlichen Beschneidung scheint mir auch auf einer hochproblematischen – also eigentlich unhaltbaren, im Grunde erzpositivistischen – Gleichsetzung von Schmerzerfahrung und Schmerzbewusstsein bzw. deren logischer und chronologischer Verkehrung zu beruhen – so als ob ein bestimmtes Maß an Erfahrungssättigung, erworbener Erfahrungsfähigkeit oder Ich-Bildung im Bewusstsein eines Individuums, die es ermöglicht, über erlittenen physischen Schmerz zu reflektieren und diese Reflexion zu artikulieren, Voraussetzung für Schmerzbewusstsein wäre. Das – um es in (genau hier zuständiger) existenzphilosophischer Diktion auszudrücken – Welt[be]wusstsein im Allgemeinen und Schmerzbewusstsein im Speziellen ist aber noch vor jeder Erfahrung einfach da und das Kriterium dafür, es bei einem (menschlichen) Individuum vorauszusetzen kann nicht eine nur extern bestimmbare Entwicklungsstufe oder ein bestimmtes Alter sein. Anders gesagt: Wenn die Würde des Menschen darauf beruht, mehr als ein Bündel medizinisch, soziologisch oder psychologisch analysierbarer Faktoren, also mehr als das, was sich empirisch ausmachen lässt, zu sein, kann man auch an das Neugeborene nicht andere Maßstäbe als an die übrigen Individuen anlegen – wie differenziert auch immer man bei dem Versuch, es doch zu tun, zu argumentieren sich bemüht, er ist ohne Biologismus oder Kulturalismus, allgemein: ohne Willkür nicht zu haben“ Quelle: https://nichtidentisches.wordpress.com/2013/04/05/betrifft-polemos-5-beschneidungsdebatte/#comment-2902 [zurück]
  5. Die in dieser Gesellschaft nach ihren eigenen Möglichkeiten fortgeschrittenste Form der Judenemanzipation stellen daher diejenigen Individuen dar, die von Isaak Deutscher treffend als „nicht-jüdische Juden“ bezeichnet wurden. Bekannte Beispiele wären z.B. Marx, Freud, Luxemburg… [zurück]
  6. Wertmüller: Jüdische Identität dringend gesucht. In: Bahamas 65-2012/13. Quelle: http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web65-2.html [zurück]
  7. Vgl. Machunsky: Die Jungenbeschneidung im postnazistischen Rechtsstaat. In: Prodomo # 17. [zurück]
  8. Wertmüller: Jüdische Identität dringend gesucht. [zurück]
  9. Ganz nebenbei bemerkt nimmt diese Zeremonie, bei der auf die Beschneidung der Jungen verzichtet wird, der Religion eines ihrer geschlechtsspezifischen Momente. Schließlich reicht es bei den Mädchen auch aus, jüdisch geboren zu werden und symbolisch mit der Zeremonie der Brita (weibliches Äquivalent zur Brit Milah) den Bund mit Gott einzugehen. [zurück]
  10. Vgl. http://www.hagalil.com/archiv/2012/06/28/beschneidung-5/ [zurück]
  11. Vgl. http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article108256905/Vorhaut-und-Freiheit.html [zurück]

1 Antwort auf „Das beschnittene Recht des Kindes. Zur Beschneidungsdebatte“


  1. 1 Kostja 23. Oktober 2013 um 14:39 Uhr

    Ach du meine Güte…Ich würde dir dringend raten, den „sich über viele Seiten hinstreckende[n] Artikel“ von Niklaas Machunsky nochmal gründlich zu lesen. Von dem, was du Machunsky hier unterstellst, stimmt einfach überhaupt nichts.
    Dein Versuch einer Kritk ist übrigens schon allein deshalb zum Scheitern verurteilt, weil du den „relevanten Kern“ der Debatte völlig verfehlst. Es geht eben nicht darum, sich in den staatlichen Souverän hineinzudenken und irgendwelche Rechte gegeneinander abzuwägen. Es geht um das Verhältnis zwischen Staat, Individuum und Kollektiv unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der deutsche Rechtsstaat nach wie vor ein postnazistischer ist. Man macht es sich zu einfach, wenn man prinzipiell sagt:im Zweifel für den Rechtsstaat und gegen Kollektive. Mit dieser Haltung liegt man meist richtig, aber genau in dem Moment, in dem es darum geht,dass die Juden dazu gedrängt werden, doch gefälligst mal ihre komischen,archaischen Gebräuche sein zu lassen, um ordentliche Staatsbürger werden zu können (also genau das zu tun, was viele von ihnen schon einmal versucht haben, ohne dass es sie vor Verfolgung und Vernichtung bewahrt hätte) , müsste einem doch auffallen, dass da was nicht hinhaut. Es geht übrigens auch nicht darum, „die Beschneidung zu verteidigen“. Es geht darum, sich nicht als Oberrabbi aufzuspielen, und Juden erklären zu wollen, welche Riten sie behalten dürfen, und welche sie doch eigentlich gar nicht mehr benötigen,mit solchen Fragen mögen sich Theologen herumplagen. Es geht geht um Staats- und Ideologiekritik, nicht, wie du fälschlicherweise unterstellst,um die Liebe zu irgendwelchem Ethno-Klimbim.

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf − eins =