Snowdown! oder: der Überwachungsskandal, der keiner war.

„Tatsächlich sterben mehr Amerikaner durch Badezimmerstürze und Polizeischüsse, als durch Terrorismus“, so teilte Edward Snowden der Öffentlichkeit vor ein paar Wochen im Live-Chat auf die Frage hin mit, was er denn auf den Vorwurf entgegnen würde, er habe den international operierenden Terrorismus darauf aufmerksam gemacht, sicherere Kommunikationskanäle zu nutzen.1

Das Zitat setzt allerdings vollkommen unzusammenhängende Sachverhalte in ein Verhältnis und zwar mit einer leicht zu durchschauenden Absicht: den internationalen Terrorismus zu relativieren, um sein Handeln vor sich selbst oder auch vor anderen rechtfertigbar zu machen. Dadurch wird dieses ernste Thema ins Lächerliche gezogen und, ob gewollt oder nicht, verharmlost. Dass „mehr Amerikaner durch Badezimmerstürze“ sterben „als durch Terrorismus“ mag ja statistisch stimmen, sagt aber nichts über gar nichts aus. Die Aussage ist vor allem eines: menschenverachtend in ihrer Verharmlosung von den Folgen des Terrorismus.

Selbst wenn man nicht uneingeschränkt solidarisch mit den USA ist, muss diese noch gegen jeden Antiamerikanismus verteidigt werden. Und dieser ist eben auch der Kern der Relativierung, Verharmlosung oder Umerzählung von 9/11, auf die auch Snowden zumindest implizit abzielt. Denn eine solche Verharmlosung beginnt bereits dort, wo er anfängt Menschenleben gegeneinander aufzuwiegen: was seien schon 3000 Tote gegen all die Badezimmerunfälle – ein Statement, das im Prinzip nur ein Wiederaufwärmen des „was sind schon 3000 Tote gegen das tägliche Hungerleid in der Dritten Welt“ darstellt.

Prism
Natürlich muss das flächendeckende und präventive Datensammeln kritisch diskutiert werden – gleich ob dies nun im Detail juristisch korrekt abläuft oder nicht. Die Diskussion über die angeblich skandalösen Enthüllungen in Bezug auf die National Security Agency ist jedoch darüber hinaus nichts weiter als ein medialer Hype, der sich vor allem hierzulande nicht zuletzt durch einen latenten Antiamerikanismus speist, der solche Debatten zum Anlass nimmt, manifester zu Tage zu treten.

Jeder Geheimdienst sammelt Informationen und zwar so viele wie möglich, um möglichst umfassend informiert zu sein. Eigentlich sollte das wenig überraschen, ist es doch schließlich Sinn und Zweck eines jeden Geheimdienstes kompetent durch Wissen zu sein. Dass ein solcher dabei nicht immer nur auf einwandfrei rechtsstaatliche Mittel zugreift oder sich zumindest ganz regulär auch mal in juristischen Grauzonen bewegt, zeichnet Geheimdienste im Allgemeinen ebenso aus.

Wenn man sich also aufregen möchte über „Datensammelwut“, dann sollte man vielleicht lieber an einer generellen Kritik an Geheimdiensten ansetzen, statt sich nun in seiner Kritik auf die USA festzubeißen und sich über die NSA und Obama zu echauffieren. Schließlich besteht, platt gesagt, der hauptsächliche Unterschied zwischen einer NSA und einem BND darin, dass die einen bei ihrer Arbeit einfach bessere Mittel bzw. Kooperationspartner zur Verfügung haben. Und genau darin besteht überhaupt die einzig wesentlich neue Erkenntnis: So gut wie alle großen Internetkonzerne haben wohl mal mehr, mal weniger freiwillig teil an dem Datenprogramm „Prism“ des US-Geheimdienstes NSA. Neu ist also nicht, dass Daten gesammelt werden, sondern dass durch die Zusammenführung der vorhandenen Log-Daten, also der Spuren, die Nutzer im Internet hinterlassen, die Möglichkeiten der Datenerfassung bzw. das Durchsuchen dieser Daten immens potenziert wurden. Die Washington Post schrieb dazu: „Through a top-secret program authorized by federal judges working under the Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA), the U.S. intelligence community can gain access to the servers of nine Internet companies for a wide range of digital data.“2

Gegen den Datensammeltrend kann und sollte protestiert werden. Allerdings sollte man sich nicht mit Scheindebatten ablenken und etwa die USA mit zweierlei Maß messen.

  1. www.taz.de [zurück]
  2. www.washingtonpost.com Zugriff: 11. Juni 2013 [zurück]

3 Antworten auf „Snowdown! oder: der Überwachungsskandal, der keiner war.“


  1. 1 Somaro 07. September 2013 um 18:22 Uhr

    Snowden erklärt kurz, dass „Terrorismus“ inzwischen zu einem Platzhalter geworden ist um alles und jeden zu rechtfertigen.
    Und was passiert hier?
    Der Autor springt auf diesen Platzhalter an, wirft Snowden Relativierung vor und bei dem Leser bleibt der Eindruck zurück, der Autor würde da stehen und voller Überzeugung sagen „ALLES ist gerechtfertigt wenn dadurch NUR EINER vor Terroristen geschützt werden kann.“

    Sorry, aber nach dem zweiten Absatz hatte ich keine Lust mehr.
    Kann mir nämlich denken worum es in dem Text geht, der Anfang sagt ja schon alles.

  2. 2 Bea 14. September 2013 um 10:43 Uhr

    Your choice…
    Wie auch immer; die Worte haben Sie mir in den Mund gelegt.
    Ich weiß auch gar nicht, warum Sie kommentieren, wenn Sie nichts zu sagen haben. Wenn jeder, der meine Texte nicht ließt, dies als Kommentar vermerken würde, müsste ich meine Kommentarpolitik drastisch ändern.
    Vielleicht werden Sie ja aber doch noch neugierig, lesen den Rest und merken dann, dass es mir wahrlich nicht um die Person Snowden und noch weniger um die Rechtfertigung von Geheimdienstaktivitäten geht.

  3. 3 Winston 18. September 2013 um 12:04 Uhr

    Zitat: … und etwa die USA mit zweierlei Maß messen.

    Nunja, die USA messen selbst alles und jeden mit zweierlei Maß. Aus aktuellem Anlass den folgenden Link: http://derstandard.at/1376534699964/Washington-unterstuetzte-Saddam-bei-Giftgasangriffen
    In Syrien ist das mit einem Male alles ganz schlimm. Ohne zu wissen wer es war. Assad? Die Rebellen? Keiner weiß es! Oder, die chinesischen Hacker. Sie sollen tausende und abertausende sein. Es sollen Heerscharen von Ihnen durchs Internet schwirren und alles aufsaugen was sie zu sehen bekommen. Ganz furchtbar schreit die USA. Sie wollen Hackerangriffe mit Raketen vergelten. (http://derstandard.at/1363711524022/Hacker-sollen-im-Cyberwar-getoetet-werden-duerfen) Nun stellt sich heraus die machen das auch. Die machen das genauso und noch viel besser und ausgefeilter. Die bekommen dafür mehr Geld als manche Staaten in ihrer Haushaltskasse haben. Oder, nehmen wir den Irak-Krieg. Dieser war eine direkte Folge des Anschlags von 9/11. Bei diesem starben ca. 3000 Menschen. Dies ist sehr bedauerlich. Es war ein furchtbares Verbrechen. (Verbrechen = Polizei klärt auf und Justiz bestraft) Die USA schicken also abertausende von Soldaten in den Irak. Hierdurch sterben (die Zahlen schwanken stark) ca. 100.000 Menschen (Frauen, Kinder, Alte). Diese Menschen hatten mit diesem Verbrechen sicherlich nichts zu tun. Soviel zum Anti-Amerikanismus.
    Natürlich ist es richtig sich gegen die Geheimdienste zur Wehr zu setzen. Auch gegen die Heere die es auf der Welt gibt. Oder den Hunger, oder die Armut oder oder. Doch es interessiert niemanden. Es ist in, je nachdem was noch kommt von Snowden, 3 Monaten oder 6 Monaten vorbei. Dann kräht kein Hahn oder Blogger mehr danach.

    Und nun wünsche ich noch einen schönen Tag.

    Winston

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