20 Jahre Pogrom von Hoyerswerda

Das Pogrom
Heute vor 20 Jahren began in Hoyerswerda das wohl erste Pogrom in der Geschichte Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Die Kleinstadt Hoyerswerda galt bis zum Fall der Mauer und dem Niedergang der DDR als dessen sozialistische Modell- und Vorzeigestadt. Damals lebten hier noch etwa 70.000 EinwohnerInnen, darunter ca. 230 Flüchtlinge und Asylsuchende sowie rund 200 VertragsarbeiterInnen aus Mosambik und Vietnam. Die Ausschreitungen, die eindeutig als Pogrom beschrieben werden können, richteten sich gegen beide als „Ausländer“ markierte Gruppen und dauerten ganze sieben Tage lang – vom 17.09. bis zum 23.09.1991.

Am 17. September 1991 wurden vietnamesische Händler auf dem Mark angefeindet und schließlich auch körperlich angegriffen. Bereits hier signalisierten schaulustige MarktbesucherInnen den rassistisch motivierten Angriffen lediglich Zustimmung. Als die Polizei am Ort des Geschehens eintraf, zog ein von Nazi-Skinheads angeführter Mob weiter zum Wohnheim der GastarbeiterInnen. Dieses wurde unter nationalistischen Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ mit Steinwürfen angegriffen, AnwohnerInnen aus den umliegenden Platten kamen hinzu, begleiteten die Angriffe oder unterstützten diese zumindest mit Beifall. Die Polizei hielt sich weitgehend zurück, man wartete auf Verstärkung.

In den nächsten Tagen spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Zahl der AngreiferInnen wuchs Kontinuierlich – so beteiligten sich an den Ausschreitungen u.a. Neonazis aus ganz Sachsen –, ebenso wie die Zahl der ihnen zujubelnden Schaulustigen. Zu den rassistischen und nationalistischen Parolen kamen welche mit einen nationalsozialistischen Bezug hinzu, wie z.B. „Sieg Heil!“-Rufe. Neben Steinen und Flaschen wurden in den folgenden Tagen auch Brandsätze geworfen. Am dritten Tag der Geschehnisse versuchte der Mob das Wohnheim mit Schlagstöcken, Baseballschlägern und Gaspistolen zu stürmen, was durch die sich zur Wehr setzenden vietnamesischen und mosambikanischen ArbeiterInnen – und nicht etwa durch die Polizei! – verhindert wurde.

Erklärtes Ziel der Angriffe war es die „Ausländer raus“ zu bekommen und dafür würde man ab jetzt immer wieder kommen und wenn nötig auch das ganze Haus in Brand stecken, so die Aussage der Angreifenden.

Als am 20. September feststeht, dass die VertragsarbeiterInnen aus der Stadt gebracht und das Heim geschlossen werden soll, findet der erste massive Einsatz der Polizei statt bei dem die AngreiferInnen abgedrengt werden und das Wohnhaus abgesperrt wird. Ab diesem zeitpunkt verlagern sich die Angriffe auf das Flüchtlingsheim der Stadt, das Vorgehen ist hierbei das gleiche wie zuvor gegen die Unterkunft der GastarbeiterInnen. Man kann wohl von Glück sprechen, dass es nicht zu Bränden von dem Ausmaß wie beispielsweise ein Jahr später bei den Ausschreitungen von Rostock Lichtenhagen kam – und dass bei beiden Pogromen kein Mensch um sein Leben gebracht wurde. Sicherlich ist es jedoch auch der Eigenverdienst der Flüchtlinge gewesen, die bereits nach den ersten Angriffen auf die GastarbeiterInnenunterkunft anfingen sich auch auf Angriffe vorzubereiten und die Asylunterkunft zu verbarrikadieren.

Am 22. September erklärt schließlich der Innenminister, dass auch die Flüchtlinge Hoyerswerda verlassen werden müssen. An diesem Abend versammelten sich vor der Asylunterkunft noch einmal etwa 100 AngreiferInnen und deren SympathisantInnen, welche die Polizei jedoch innerhalb von eineinhalb Stunden vom Gelände vertreiben konnte.

Die Konsequenzen
Mit dem Ausgang des Pogroms von Hoyerswerda war ein Exempel statuiert. Sowohl die polizeilichen als auch die politischen Reaktionen auf die rassistischen Ausschreitungen gegen Asylsuchende und GastarbeiterInnen bestätigten in ihrer Konsequenz den wütenden Mob und legitimierten ihn auf diese Weise. Um es noch einfacher zu sagen: Neonazis und AnwohnerInnen artikulierten mit Gewalt bzw. mit Jubel und Zuspruch zu dieser, dass „die Ausländer“ gehen sollen, die Polizei ließ dies weitgehend zu und die Politik ging auf die Forderung ein. Die VertragsarbeiterInnen wurden „freiwillig“ in ihre Herkunftsländer ausgeflogen, die Flüchtlinge wurden in andere Städte umverteilt.

Durch diesen ungeheuren Erfolg, mit brachialer Gewalt und ohne erwähnenswerte Verluste seine rassistschen Ziele erreicht zu haben, wurde die „Rechte Szene“ in Ost- und Westdeutschland zur Nachahmung ermutigt. Zwar gab es auch vor Hoyerswerda bundesweit immer wieder Angriffe auf Flüchtlingsheime sowie zu Totschlag und Mord, jedoch ließ sich nach den Ausschreitungen von Hoyerswerda eine qualitative wie quantitative Steigerung feststellen.1 Auch kann das Pogrom von Rostock Lichtenhagen als Nachahmung interpretiert werden, bei dem sich auch einige interessante Parallelen zu Hoyerswerda ziehen lassen.

Zu mindest lässt sich jedoch konstatieren, dass mit Hoyerswerda das begann, was offiziell als Reaktion auf Rostock Lichtenhagen beendet wurde: die faktische Abschaffung des Grundrechts Auf Asyl, welches bis 1992 im deutschen Grundgesetz verankert war.

  1. Vgl. den Artikel „Der Rassismus der frühen Jahre“ im Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrates „Hinterland“. Nr. 17 (2011). S. 21-22. [zurück]

1 Antwort auf „20 Jahre Pogrom von Hoyerswerda“


  1. 1 bea 24. September 2011 um 13:21 Uhr

    Zu dokumentatorischen Zwecken: ein Plakat, ich glaube aus dem Jahr 1992. Muss irgendwann nach den Pogromen entstanden sein…

    http://bea.blogsport.de/images/AntiraPlakat.JPG<br />

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