Carlo Giuliani – Märtyrertum der radikalen „Linken“?

Im Juli diesen Jahres kam es rund um den 10. Jahrestag der Tötung des politischen Aktivisten Carlo Giuliani bei den Ausschreitungen 2001 in Genua (anlässlich des G8-Gipfels) zu verschiedenen Protest- und Solidaritätsaktionen in Europa, darunter viele in Deutschland. So tauchten in diversen Städten Stencils mit dem Porträt von Giuliani auf,1 es kam zu Spontandemonstrationen (u.a. in Berlin) sowie zu militanten Aktionen (u.a. in Frankfurt/Main) und (v.a. in Berlin) zu nächtlichen Ausschreitungen und Straßenschlachten mit der Polizei.2

So weit erstmal nichts überaus außergewöhnliches für eine teilweise militant agierende „Szene“. Was jedoch bei mir persönlich für Irritationen sorgte, war das immer wieder auftauchende Motto, mit welchem u.a. auch versucht wurde zu mobilisieren: „Rache für Carlo!“

Rache als teibende Kraft eines politischen Aktivismus‘? Und das Ganze auch noch ausgehend von einer „Szene“ die sich nicht selten selbst als progressiv und emanzipatorisch versteht und bezeichnet? Daran wurde zurecht bereits an anderer Stelle Kritik geübt, bei der ich zu großen Teilen mitgehen würde und die Lektüre daher empfehle.

Anfügen möchte ich, dass ich es sehr richtig und wichtig finde, ähnlich wie bei Opfern von rassistischer Gewalt,3 eben auch an die Opfer von staatlicher Gewalt zu erinnern. Wenn dieses Gedenken jedoch einen Charakter annimmt, der an Märtyrertum erinnert, weil Opfer wie eben Giuliani in einen großen Kontext gestellt werden, tauchen jedoch die ersten Fragezeichen auf. Hierbei wird nämlich oftmals eine Art „weltweiter Kampf für das gute“ herbeiphantasiert, bei dem sich viele als Teil von etwas Großem fühlen können. Anders ausgedrückt wird durch kollektive Erinnerung kollektive Identität konstruiert und das eben mit Hilfe von Kategorien wie „weltweiter (Klassen)Kampf“ oder eben im aktuellen Fall gemeinsame „Rache“ als einender Moment.

Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass hier keine würdige Erinnerung an ein Ereignis stattfindet, sondern lediglich die Inszenierung eines einzelnen Opfers für einen vollkommen anderen Zweck – also in gewisser Weise ein entwürdigender Missbrauch.

Eine weitere, ganz andere Frage ist natürlich, wie die oben bereits angesprochene „Rache“ überhaupt aussehen soll, einmal angenommen, diese steht nicht nur als leere Phrase, die zur (böse formuliert) Stimmungsmache und eben Mobilisierung dienlich sein soll. Auch in diesem Punkt würde ich mich an den bereits empfohlenen Text halten. Auch ich fragte mich zuerst: was wollt ihr tun? Einen Polizisten erschießen? Den „richtigen“, den es meiner Meinung nach nicht gibt, werdet ihr wohl kaum finden. Aber selbst wenn ihr ihn finden würdet oder aber eben eine beliebige andere repräsentative Person erschießt oder auch „weniger schlimmes“ mit ihr macht, wäre das eine absolut nicht tragbare, weil politisch verkürzte und personalisierende Kritik in Form der getätigten Handlung – einmal vollkommen davon abgesehen, dass hier ein (politischer) Mord geschehen würde, den ich sowieso nicht gut heißen könnte. Aber dies ist wieder ein anderes Thema, dass an anderer Stelle diskutiert werden sollte und teilweise auch schon wurde.

In diesem Sinne kann ich mich nur für eine politische Gedenkkultur aussprechen, die mit dem Ziel, Wiederholungen zu vermeiden, an Ereignisse erinnert – und nicht nur aus purem oder teilweisem Selbstzweck, der versucht Politik und Aktionismus zu rechtfertigen.

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2 Antworten auf „Carlo Giuliani – Märtyrertum der radikalen „Linken“?“


  1. 1 bea 29. August 2011 um 9:06 Uhr

    Ergänzung:
    In der Jungle World Nr. 28/11 vom 14. Juli 2011 war der gewaltsame Tod und der G8-Gipfel 2001 sogar Thema. Wen’s interessiert -> http://jungle-world.com/artikel/2011/28/

  2. 2 afunke 29. August 2011 um 16:26 Uhr

    Danke für den Beitrag! Empfinden wir genauso. Der Artikel wurde aber veröffentlicht weil sich die Demo an sich als sehr gelungen anhörte und auch sonst außer die hier genannten Punkte am Inhaltlichen wenig zu mekern war. Zumindest von dem was übers Internet so rein kam.

    Solidarische Grüße

    anarchistischer Funke

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