Assange ein Anarchist?!

Im allgemeinen kann ich wohl behaupten, dass ich Strukturen und Prozesse interessanter zu betrachten finde, als einzelne Personen oder personelle Phänomene. Trotzdem möchte ich in diesem Eintrag auf einen Einzelakteur eingehen, der sicherlich auch auf Grund seines persönlichen Charismas Ende des Jahres 2010 für weite Diskurse in Medien und Gesellschaft gesorgt hat. Die Rede ist von Julian Assange, der oder zu mindest einer der Gründer von WikiLeaks, der jenigen Internetplatform die sich der absoluten Transparenz verschrieben hat. Diese existiert bereits seit ein paar Jahren, sorgte jedoch vor allem in jügster Zeit durch massenhafte Veröffentlichungen geheimer Dokumente (u.a. Dokumente der US-Diplomatie) für Aufsehen.

Allerdings möchte viel weniger auf WikiLeaks oder Assange selbst, sondern eher auf eine bestimmte Begleiterscheinung eingehen. Und zwar wurde Assange persönlich immer wieder von verschiedenen Medien als Anarchist bezeichnet. Zu mindest zum klassischen Anarchist taugt er bzw. das was er verkörpert jedoch nicht. Das was Assange in der Öffentlichkeit repräsentiert und was mit dem Projekt Wikileaks in konkrete Praxis umgesetzt wird, ist wohl eher der Versuch innerhalb des existierenden Systems – egal ob man es nun als Herrschafts-, als Klassen- oder als kapitalistisches System versteht – etwas zu verändern. Es geht nicht um eine (revolutionäre) Umwerfung der Besitz- und/oder Machtverhältnisse, sondern um eine Art gleichmäßige Verteilung der gesellschaftlichen und globalen Informationen. Wissen, welches in exklusiver Form ein Machtfaktor in sich trägt, soll der „einfachen Bevölkerung“ zugänglich gemacht werden. Diese Idee trägt somit auf der einen Seite ein stück weit einen basisdemokratischen Ansatz in sich, auf der anderen Seite einen klassischen Ansatz von Aufklärung. Assange bewegt sich auch in so fern eher in der Tradition der Aufklärung als in der Tradition des Anarchismus, als dass bei ihm keine Utopie, keine (mehr oder weniger) ausformulierte, bessere Gesellschaft gezeichnet wird, sondern eben nur ein bestimmter Anspruch, nämlich der zur Transparenz, zur Informationsfreiheit, zur Aufklärung besteht.
Ein letzter Punkt, der es meiner Meinung nach schlussendlich unmöglich werden lässt, sollte es vorher nicht schon ein Ding der Unmöglichkeit geesen sein, Wikileaks als anarchistisches Projekt zu beschreiben, ist die innere Organisationsstruktur. Diese ist nämlich weder konsensual, noch basisdemokratisch, sondern ganz im Gegenteil hierarchisch gegliedert und konzentriert sich auf die Person Julian Assange, der auch schon Personen aus dem Projekt verwiesen hat, da sie eben auch die innere Organisation von Wikileaks als problematisch ausmachten.1

Ein letzter persönlicher Kritikpunkt, den ich an dieser Stelle noch äußern möchte, ist der überaus starke Bezug zur „Verschwörung“. Das sog. Wikileaks-Manifest2, welches Assange 2006 verfasste und welches den Namen „Verschwörung als Regierungshandeln“ trägt, ist durchzogen mit Begriffen wie eben „Verschwörung“ oder „konspirative Macht“. In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass Wikileaks über die Jahre eine stetig steigende Fokussierung auf die USA vornahm, vor allem auch, wenn es darum ging, im Vorfeld einer Veröffentlichung einen gewissen Presserummel zu erzeugen. Für einige Menschen scheint die USA nach wie vor (die geheime oder offensichtliche) Weltmacht zu sein, die irgendwie überall auf der Welt ein paar Fäden zieht. Dass das zum einen vollkommen an der globalen Realität vorbei geht und in seiner Verkürztheit auf Argumentationsstrukturen des Antisemitismus zurückgreift, scheint genau so wenig erkannt zu werden, wie die gesellschaftliche Totalität an sich, die eben vieles (um nicht zu sagen alles) determiniert und keinen Platz für so etwas wie Verschwörungen lässt.

  1. Dradio.de [zurück]
  2. Die deutsche Übersetzung des Manifests auf Le-Bohemien.net [zurück]

2 Antworten auf „Assange ein Anarchist?!“


  1. 1 Marcel 25. April 2011 um 15:06 Uhr

    Ich wollte erst einen Artikel in meinem Blog dazu schreiben, aber irgendwie fehlt mir die Klammer, weswegen ich meine Gedankensplitter hier ablade:

    Die Ideologien der im Internet tätigen Gruppen sind ein sehr interessantes, dringend zu untersuchendes Phänomen. Denn sie teilen gewisse Elemente, wie z.B. der freie Zugang zu Wissen (z.B. PirateBay, Wikipedia, aber auch Wikileaks). Des weiteren nehmen sie aber auch immer mehr Einfluss auf die Welt jenseits des Cyperspace (z.B. Linux oder eben auch Wikileaks)

    Wenn man auf die früheren Zeiten der Computerwelt zurückschaut, sieht man, dass die Hauptakteure Leute sind, die man schnell als NErds bezeichnen würde. Und dieses Milieu war seit je her Science-Fiction Affin. Hier findet man gesellschaftliche Utopien, z.B. Star Trek, aber, und das ist viel wichtiger, auch viele Dysthopien bezogen auf Staatlichkeit wie auch Unternehmen (z.B. 1984 und unzählige Werke über Cyperrebellen, die in einer zukunft gegen große weltbeherrschende Unternehmen kämpfen)

    Mir ist bewusst, dass es sich hierbei nicht um große politische Literatur handelt, aber aus dieser Basis ist eine fragmentarische Ideologie entstanden, die mit solchen Formeln wie „Wissen ist Macht“ und „Freie Informationen für alle“ operieren.

    Wikileaks ist eigentlich eine logische Folge daraus. Die Frage ist nun, ist das Anarchistisch? Ich würde ganz klar Jain sagen. Denn einerseits wird Staatliches Handels abgelehnt als auch die Machtfrage gestellt, andererseits greift dieser Ansatz viel zu kurz und ist auf Grund seiner Geschichte verseucht von Verschwörungstheorien.

  2. 2 bea 26. April 2011 um 19:52 Uhr

    Wie in meinem Beitrag dargestellt, würde ich Wikileaks klar als nicht anarchistisch bezeichnen. Warum wurde ebenfalls beschrieben. Mir ist an dieser Stelle gar nicht klar, wieso du das anders sehen würdest. Wo wird denn z.B. staatliches Handeln, also staatliche Herrschaft als solche, abgelehnt? Meiner Meinung nach wird hier lediglich eine bestimmte Art von staatlichem Handeln und eben die Verteilung von einem gewissen Gut, nämlich Wissen, kritisiert. Nicht umsonst gibt es auch die Forderung nach einer Abschaffung der geheimen Diplomatie, nicht aber die Abschaffung von Diplomatie zwischen Staaten überhaupt oder eben die Überwindung von Staaten.

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