Individuelles Appeasement gegenüber dem Iran

AuslandsjahrIran

Die politische und wirtschaftliche Öffnung des Westens gegenüber dem Iran schlägt sich bereits im Denken der Menschen über den Iran nieder. Ein aktuelles und zugleich sehr bezeichnendes Beispiel: Die Webseite „Studieren weltweit“ veröffentlichte nun den Bericht einer jungen Studentin aus Marburg über ihr Auslandsjahr in Teheran / Iran.

Ich denke das ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen: Vor allem immer mehr junge und alternativ angehauchte Menschen wählen das Land als Reiseoft, Studienort oder vorübergehenden Arbeitsort – oder äußern zumindest starkes Interesse daran. Nicht selten heißt es, man wolle das Land und die Leute so kennenlernen, wie sie wirklich seien, man wolle Vorurteile abbauen. Auffällig ist, dass dabei in der Regel von der Menschenrechtslage im Iran geschwiegen wird. Man macht sich eine schöne Zeit, macht schöne Fotos, lernt interessante Leute kennen – und blendet dabei aus, dass der Großteil der Leute vor Ort entweder aus finanziellen Gründen niemals ausreisen könnten, im Westen schon gar keinen Aufenthaltstitel bekommen würden oder aber vom Regime, etwa aus politischen Gründen, an der Ausreise gehindert werden. Man macht sich eine gute Zeit und lässt dann, wenn man wieder abreist, die Menschen vor Ort in ihrem politischen Elend zurück. Mit irgendeiner Art von Solidarität hat das absolut nichts zu tun.

Der Antifaschismus ist tot.

Antifaschismus würde heute bedeuten, sich darauf vorzubereiten, dass es in den nächsten Wochen vermehrt zu antisemitischen Übergriffen kommen könnte, um diesen ggf. an der richtigen Stelle etwas entgegensetzen zu können. Doch die Antifa, die ihre Hochzeit in den 90er Jahren hatte, gibt es heute nicht mehr. Alles, was von ihr in Westdeutschland und insbesondere in bundesdeutschen Großstädten noch übrig ist, trifft sich ein paar mal im Jahr zum Wochenendausflug etwa nach Dresden oder Wien, um auf diesen Pflichtveranstaltungen den hobbymäßigen Kleinkampf gegen Neonazis und Burschenschaftler zu führen, die gesellschaftlich absolut marginal sind.
Erklären lässt sich dies mit der heutigen Lage von Praxis überhaupt. Während diese nur in einigen wenigen Nischen irgendwie noch sinnvoll wäre, bietet der Kampf gegen Nazis ein zweifaches Erfolgserlebnis: man hat immer das Argument der Mehrheit auf seiner Seite und kommt dementsprechend leichtfüßig zum bescheidenen Ziel, die Nazis nicht durch Stadt XY ziehen zu sehen. Am Ende des Tages können sich alle auf die Schultern klopfen und sich freuen, dass es dieses Jahr wieder geklappt hat.
Im Gegensatz dazu, würde es tatsächlich bedeuten, etwas zu riskieren, würde man sich dem antisemitischen Mob in den Weg stellen, der in den letzten Wochen durch deutsche und andere europäische Straßen zog. Doch diese Art von Antifaschismus gibt es offenbar seit der Marginalisierung von Neonazis durch den Aufstand der Anständigen nicht mehr.

Das beschnittene Recht des Kindes. Zur Beschneidungsdebatte

Ein Jahr liegt die sogenannte Beschneidungsdebatte nun schon zurück. Und nun, „ein Jahr, nachdem kritische Positionierung relevant und riskant gewesen wäre“ konnte man mit großer Verspätung dann auch in der neuen Prodomo (# 17) sowie der neuen Polemos (# 5) noch etwas „materialistisch angehauchtes über Recht, Staat und Nation“1 zum Thema lesen. Ich selber hatte mich zugegebenermaßen seit der Ankündigungen auf diese Beiträge gefreut, da ich mit einer wenn auch zögerlichen aber doch noch vernünftigen Positionierung gerechnet hatte. Am relevanten Kern des Themas, nämlich der Frage, wie das Verhältnis vom Recht auf Kindeserziehung und Schutz des Kindes vor gewissen Erziehungspraxen in diesem Fall abzuwägen wäre, gehen allerdings im Prinzip alle Ausschweifungen vorbei. (mehr…)

Snowdown! oder: der Überwachungsskandal, der keiner war.

„Tatsächlich sterben mehr Amerikaner durch Badezimmerstürze und Polizeischüsse, als durch Terrorismus“, so teilte Edward Snowden der Öffentlichkeit vor ein paar Wochen im Live-Chat auf die Frage hin mit, was er denn auf den Vorwurf entgegnen würde, er habe den international operierenden Terrorismus darauf aufmerksam gemacht, sicherere Kommunikationskanäle zu nutzen.1

Das Zitat setzt allerdings vollkommen unzusammenhängende Sachverhalte in ein Verhältnis und zwar mit einer leicht zu durchschauenden Absicht: den internationalen Terrorismus zu relativieren, um sein Handeln vor sich selbst oder auch vor anderen rechtfertigbar zu machen. Dadurch wird dieses ernste Thema ins Lächerliche gezogen und, ob gewollt oder nicht, verharmlost. (mehr…)

Die falsch verstandene Befreiung

Heute wird in vielen Ländern Europas der „Victory in Europe Day“ gefeiert, der an die bedingungslose Kapitulation und damit die endgültige Niederlage Nazi-Deutschlands erinnert. Während dieser Tag in einigen Ländern sogar als offizieller Feiertag begangen wird, feiert hierzulande hauptsächlich die Linke.

Grund zum Feiern gibt es am 8. Mai mehr als an jedem anderen Tag. Selbst an einem Tag jedoch, an dem es lediglich darum zu gehen hätte, im Sinne eines „Nie Wieder“ zu gedenken oder ausgelassen den Sieg der Anti-Hitler-Koalition zu feiern, hat sich bis heute innerhalb der Linken ein regressives Moment konserviert. Hier spricht man vom „Tag der Befreiung“ nämlich so, als ob es sich dabei, wie in der DDR propagiert wurde, um die „Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ handeln würde. Dass jedoch nicht Deutschland oder gar das „deutsche Volk“ von „den Nazis“ befreit wurde, welche plötzlich als irgendetwas Drittes gedacht und sprachlich dargestellt werden, jedoch nicht als genuin deutsche, das scheint, wie ich heute wieder feststellen musste, von vielen noch immer nicht verstanden zu sein. Und so hält sich der Mythos vom Hitlerismus und reiht sich ein in den Versuch nicht mehr nur noch TäterIn, sondern doch wenigstens auch Opfer sein zu dürfen – auch wenn das „Volk“ im Dritten Reich von Nazi-Deutschland nicht zu unterscheiden war.

Es wäre also sinnvoll nicht Länger von „Befreiung“ zu sprechen, will man denn nicht einen gewissen Geschichtsrevisionismus transportieren – und sei es nur dadurch, dass sich im Zweifelsfall auch die falschen Leute mit dem Begriff der Befreiung identifizieren können, weil sie ihn eben nicht als Befreiung Europas und aller vom NS Verfolgter, Gequälter und KZ-Inhaftierter, sondern als Befreiung Deutschlands vom Attribut „Nazi“ verstehen. Sinnhafter scheint es da, wie eben auch in anderen Ländern, vom „Sieg über Deutschland“ zu sprechen.
Dass selbst zu einem Tag wie dem 8. Mai eine spezifisch deutsche Deutung existiert, ist jedoch wohl nur ein weiterer Hinweis darauf, wie wenig bearbeitet die deutsche Geschichte tatsächlich ist.

Plädoyer für eine Militärintervention in Syrien

Seit über einem Jahr herrscht Bürgerkrieg in Syrien – ein „blutiger“, wie in der Berichterstattung immer ganz selbstverständlich mit erwähnt wird. Doch was heißt das und vor allem welche Konsequenzen folgen daraus? Bisher keine nennenswerten. Bereits vor einem Jahr war ich der Meinung, dass eine Intervention durch die internationale Staatengemeinschaft etwa in Kooperation mit der Arabischen Liga und einer mittelfristigen Stationierung von UN-Truppen die Lage vor Ort hätte wesentlich entschärft werden können. Im Verlauf der ersten Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings hin zu den blutigen Niederschlagungen derselben wollten immer weniger Oppositionelle das Regime reformieren, sondern es wurde schnell klar, dass die Diktatur gestürzt werden solle. (mehr…)

Keep Dancing!

Im Frühling diesen Jahres erschien die erste Ausgabe einer neuen polit-kulturellen Zeitschrift namens „Keep Dancing“. Das Projekt aus Rostock / Mecklenburg-Vorpommern versteht sich selber als subversiv-antagonistisches Kunst-, Politik-, Kritik-, Theorie- und Praxis-Heft mit Zine-Charakter. Jeder kann mitmachen, „Gesellschafts-, Ideologie- und Kapitalismuskritik sind insofern genau so Inhalt, wie Provokation, Sehnsucht und Träumerei“, so kann man auf der Projekt-Homepage lesen.

In den nächsten Wochen soll die nächste Ausgabe erscheinen, zu der auch ich etwas beigesteuert habe. An dieser Stelle sei daher einmal der Zine-Blog empfohlen, auf dem einzelne Beiträge erscheinen, über den man erfährt, wo es Ausgaben zu beziehen gibt oder wo man (vielleicht?) auch eine Ausgabe bestellen kann: keepingthedance.blogsport.eu

Notiz zu Nietzsche

„Denken wir den Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins Nichts: „die ewige Wiederkehr“. Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das „Sinnlose“) ewig!“

Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen I

Auch wenn Nietzsche nicht in der Lage war, zu charakterisieren woher diese „extremste Form des Nihilismus“ entstammt, weil er nicht fähig war das Kapitalverhältnis als Basiseigenschaft dieser Gesellschaft zu Grunde zu legen: in diesem Satz kommt Nietzsches ganze Fähigkeit zum Ausdruck, seine eigene Unfähigkeit, sein Unverständnis über die materiellen Gegebenheiten dieser Gesellschaft beiseite zu schieben und den Charakter dieses Verhältnisses trotzdem sehr präzise zu benennen. Was im Vergleich zu Marx‘ polit-ökonomischer Diagnose ein wenig diffus und wenig abstrakt klingt, ist hier mit Nietzsche gewissermaßen sehr viel lebendiger, sehnsüchtiger und dadurch vielleicht auch ausdrucksstärker zu Blatt gebracht.

Da Nietzsche, so weit ich weiß, nichts von Über- und Unterbau wusste, konnte er „die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen“ nur als „ganze Last der Kultur“ begreifen, die „so groß geworden [sei], dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivierten Klassen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer größeren Familien in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.“

Was würde der arme Mann wohl sagen, wenn er heute noch leben würde oder in die Zukunft hätte blicken können. Vermutlich hätte er seine Suizitgedanken bei Zeiten verwirklicht.

Ein verspäteter Rückblick auf die Krisenproteste von M31 und Blockupy

Es ist wieder still geworden. Zumindest was die „revolutionären Umtriebe“ in dieser Republik anbelangt. Eines der letzten großen Zeltlager der sog. Occupy-Bewegung in Deutschland wurde diese Woche in Frankfurt ohne großen Trubel geräumt und auch der im Frühjahr von der radikalen Linken so unendlich beschworene „heiße Sommer der Krisenproteste“ blieb bis auf weiteres aus – bis auf ein paar warme Tage im Juli ist eben nicht nur der Sommer, sondern sind auch gleich die Krisenproteste ausgefallen.
„Aber irgendwas war doch da im Frühling“, wird vielleicht der ein oder die andere einwerfen wollen. Stimmt, da war doch irgendwas gewesen… (mehr…)

Das falsche Spiel

Diese Lyrik zielte inhaltlich mal auf die vorletzte „Strophe“ meiner Gedanken der Einsamkeit. Sie kann aber (und will wohl) auch metaphorisch verstanden werden.

(mehr…)